Kategorie: Teil III: Themen

Rainer Volz

Männer arbeiten mehr im Bereich der bezahlten Erwerbsarbeit, Frauen mehr in der unbezahlten Familien- und Hausarbeit. Die Erwerbsorientierung der Männer ist damit eine zentrale gleichstellungspolitische Herausforderung. Der renommierte Männerforscher Rainer Volz differenziert im Austausch mit Herausgeber Markus Theunert diese allgemeinen Befunde und hinterfragt die gängigen Bewertungen. Er zeigt die im Konzept der Erwerbsarbeit angelegte Ambivalenz zwischen ihrem positiv bewerteten Charakter als materielle Lebensgrundlage und ihrem tendenziell lebenstotalitären Charakter sowie die damit verbundenen Vereinbarkeitsfragen auf. Dieses Spannungsfeld lässt sich im traditionellen Männer- wie Frauenbild mit der klassischen Aufgabenteilung (Mann als Ernährer, Frau als Hausfrau und Mutter) bipolar auflösen. In einer gleichstellungspolitischen Perspektive kann und soll dies nicht mehr gelingen. Die Ambivalenz von Arbeit, Beziehung/Familie und Leben wird in einem partnerschaftlich-egalitären Bezugssystem viel deutlicher wahrgenommen – und drängt nach zeitgemässen Antworten. Daran schliesst sich die Forderung nach einer Auflösung der Ambivalenz jenseits bipolarer Aufgabenteilung im Sinne der (besseren) Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das «Vereinbarkeitsproblem» ist damit auch eine Männerfrage. Der vorliegende Beitrag benennt die spezifischen Herausforderungen der Männer und öffnet den Horizont über geschlechtervergleichende Ansätze hinaus.

Rainer Volz (1950) war lange Jahre Leiter des Zentrums für Männerarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ende 2010 gab er seinen Posten auf, um nach Istanbul zu ziehen, wo seine Frau als Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei wirkt. Rainer Volz ist zusammen mit Paul M. Zulehner (Wien) Autor der großen wissenschaftlichen Männerstudien «Männer im Aufbruch» (1998/1999) und «Männer in Bewegung» (2009). Kontakt: rainer.volz@gmx.net

Uli Boldt

Mädchen und Jungen partizipieren mit unterschiedlichem Erfolg an den schulischen Angeboten. Bei den schulischen Abschlüssen schneiden die Mädchen seit vielen Jahren erfolgreicher als die Jungen ab. Werden der Unterricht gestört oder schulische Regeln missachtet, dann sind eher Jungen als Mädchen beteiligt. Nachdem in den zurückliegenden Jahren eher die Förderung der Mädchen im System Schule diskutiert wurde, rücken nunmehr auch die Jungen in den pädagogischen Fokus. Dabei soll die Förderung der Jungen nicht zu Ungunsten der Mädchen erfolgen. Uli Boldt fordert in seinem Beitrag eine geschlechterbewusste und -gerechte Gestaltung der kooperativen Schule, die den Bedürfnissen und Interessen beider Geschlechter gerecht wird. Der Beitrag versucht zu verdeutlichen, welche Anforderungen sich dem Bildungswesen stellen, damit der Anspruch des Konzepts einer geschlechterbewussten Schule erfüllt wird. Dabei versteht er die Etablierung jungenspezifischer Ansätze als Aufgabe, die zwar durch einen politischen Auftrag abgestützt sein soll, nicht aber «von oben» verordnet werden kann. Um nachhaltig Wirkung zu zeigen, müssen solche Ansätze aus der Schule selbst wachsen. Der Beitrag zeigt, welche Bedingungen und Aktivitäten diesem Ziel zuträglich sind. Eine Erhöhung des Anteils männlicher Lehrkräfte ist dabei ein notwendiges, aber nicht hinreichendes Element.

Uli Boldt (1951) ist seit 1974 Lehrer an der Martin Niemöller-Gesamtschule Bielefeld und von 2004 bis 2010 als abgeordneter Lehrer an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Bielefeld tätig. 2010 Rückkehr in den Schuldienst, Moderator für Lehrkräftefortbildungen bei der Bezirksregierung Detmold für die Themenbereiche «Gender Mainstreaming», «Jungenarbeit» und «Berufs- und Lebensplanung von Mädchen und Jungen», seit 1990 Erfahrungen in der schulischen Jungenarbeit und im Bereich der geschlechtersensiblen Berufsorientierung, Zusammenarbeit mit den Modellprojekten «Girls‘ Day» und «Neue Wege für Jungs». Kontakt: uliboldt@gmx.de

Hans-Joachim Lenz und Olaf Kapella

Obwohl Männer als Täter und Opfer von Gewalt überrepräsentiert sind, wird diese durch die Kriminalstatistik seit den 1970er-Jahren regelmäßig dokumentierte Tatsache bislang im Diskurs um Gewalt und Geschlecht ignoriert oder verkürzt. Der Beitrag von Hans-Joachim Lenz und Olaf Kapella problematisiert diesen Umstand als Ausdruck einer geschlechterpolitischen Strategie und Folge der vorherrschenden – auf Basis der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit konstruierten – Geschlechterkonzeption. Die Ignoranz gegenüber männlicher Verletzbarkeit wird als politisch gewollte Verzerrung beschrieben, von der beide Geschlechter nur vermeintlich profitieren, werden sie doch gleichzeitig in ihren geschlechtsspezifischen Lebensmöglichkeiten eingeengt und besonderen Belastungen ausgesetzt. Männer sehen sich dadurch insbesondere in ihrem Schutzbedürfnis nicht ernst genommen. Der Text zeigt die Fakten, benennt Forschungslücken und formuliert politischen Handlungsbedarf. Dabei werden die Ebenen der institutionellen Angebotsentwicklung (System der Hilfs- und Unterstützungsangebote), der öffentlichen Sensibilisierung und der Forschung vertieft betrachtet.

Hans-Joachim Lenz (1947) ist Sozialwissenschaftler und Geschlechterforscher, ausgebildet in Gestalttherapie und TZI. Er betreibt in Freiburg i.Br. Forsche Männer & Frauen – Büro für Beratung, Bildung und Forschung. In den 1980er-Jahren entwickelte er einen der ersten Ansätze zur geschlechtssensibilisierenden Erwachsenenbildung mit Männern und für Gesundheitsberufe. Anfang der 1990er-Jahren lenkte er seinen Blick auf die gegen Männer gerichtete Gewalt und veröffentlichte – ein Novum im deutschsprachigen Raum – zum ersten Mal Interviews mit Männern, die Gewalt ausgesetzt waren. Neben der Tätigkeit als Dozent zahlreiche Veröffentlichungen zur Männerbildung, zur Männergesundheit, zu männlichen Gewalterfahrungen und zur Neugestaltung des Geschlechterverhältnisses. Mit seinen Forschungen schuf er wichtige Voraussetzungen für die Pilotstudie Gewalt gegen Männer (2004), an dessen Durchführung er federführend beteiligt war. Kontakt: info@geschlechterforschung.net

Olaf Kapella (1964) ist Sozialpädagoge und arbeitet als Sozialwissenschaftler am Österreichischen Institut für Familienforschung an der Universität Wien. Weiter ist er als Sexualpädagoge und Berater/Therapeut tätig. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Geschlechterforschung, Gewaltforschung, nationale und internationale Familienpolitik sowie Sexualpädagogik. Im Bereich der Gewaltforschung war er maßgeblich an der Erstellung des ersten Gewaltberichtes in Österreich (2001) beteiligt und leitete zuletzt die erste österreichische Prävalenzstudie zu Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Raum. In der Beratungsarbeit arbeitet er schwerpunktmäßig in der Männer- und Sexualberatung. Kontakt: olaf.kapella@oif.ac.at

Thomas Altgeld

«Gender Health» beschränkt sich in der Regel auf das Erheben geschlechtsvergleichender Daten und die Ableitung frauenspezifischer Massnahmen. In fast allen solcherart erhobenen Analysen wird stereotyp eine generell höhere Risikobereitschaft von Männern diagnostiziert. Diese einseitige Betrachtungsfolie führt dazu, dass der Männergesundheitsdiskurs selektiv defizitorientiert geführt wird – und damit an der Oberfläche bleibt. Eine geschlechter- und männergerechte Gesundheitspolitik muss tiefer graben und Gesundheit, Geschlecht und Macht in Beziehung setzen, um auf dieser Basis das patriarchal geprägte Gesundheitssystem als Ganzes zu hinterfragen. Der gesundheitspolitische Wille fehlt dazu bislang genauso wie der zur Umsetzung konkreter Massnahmen im Feld der Männergesundheit. Dabei würden Handlungsvorschläge und Politikstrategien aus dem angelsächsischen Raum für eine nachhaltige Männergesundheitspolitik in Europa existieren.

Thomas Altgeld (D), Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (www.gesundheit-nds.de), Herausgeber Zeitschrift zur Gesundheitsförderung «impu!se», Vorstandmitglied der Bundesvereinigung für Prävention und Gesundheitsförderung e.V., Leiter der Arbeitsgruppe «Gesundheit aufwachsen» von gesundheitsziele.de. Kontakt: thomas.altgeld@gesundheit-nds.de

Bruno Wermuth und Markus Theunert

Der Staat muss keine Moral verteidigen, sondern Gesundheit und Unversehrtheit schützen, Bildung ermöglichen und Rechtssicherheit gewährleisten: Daraus leitet sich die Legitimation – und auch die Verpflichtung – für eine zeitgemässe Sexualpolitik ab. Der gemeinsame Beitrag von Bruno Wermuth und Markus Theunert entwickelt die Grundlagen einer «entmoralisierten» Sexualpolitik aus der Männerperspektive: Er beginnt mit einer sorgfältigen Reflexion und Analyse eines modernen Menschenbildes und Sexualitätsverständnisses. Darauf aufbauend, wird in einem zweiten Schritt ein sexualpolitisches Rahmenmodell vorgeschlagen und ein konkreter Forderungskatalog formuliert. Im Zentrum steht dabei der staatliche Bildungsauftrag und die Forderung nach einer lebenslangen sexuellen Bildung, für die der Staat im Rahmen seines Auftrags Verantwortung übernimmt. Sexuelle Bildung trägt damit zur Stärkung der Männer auf ihrem individuellen Entwicklungsweg bei – und leistet gleichzeitig einen ebenso pragmatischen wie wirksamen Beitrag zur Befreiung männlicher/menschlicher Sexualität aus dem Korsett einer dualen Geschlechterordnung und heteronormativer Rollenerwartungen.

Bruno Wermuth (1963) ist diplomierter Sozialpädagoge FH und Fachmann für sexuelle und reproduktive Gesundheit PLANeS. Er arbeitet als freiberuflicher Sexualpädagoge und –berater und ist Mitglied der Arbeitsgruppe Sexualpolitik des Schweizer Dachverbands männer.ch. Als «Doktor Sex» der auflagenstärksten Schweizer Tageszeitung ist er als Ratgeber nahe am Puls der sexuellen Sorgen und Fragen der breiten Bevölkerung. Kontakt: www.brunowermuth.ch

Markus Theunert (1973), lic. phil, Psychologe und Soziologe, ist Präsident des Dachverbands Schweizer Männerorganisationen (www.maenner.ch). Er hat sich als Generalsekretär des Fachverbands der Suchtfachleute u.a. eingehend mit dem Phänomen der Porno-Sucht auseinander gesetzt und ist Mitglied der männer.ch-Arbeitsgruppe Sexualpolitik. Kontakt: theunert@maenner.ch